Praeludio - Die Klavierstimmerei
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Geschichte der Stimmungen mit Hörbeispielen

Einführung

Reine Stimmungen haben ihren Preis. Entweder man kann sie nur eingeschränkt auf bestimmte Tonarten sowie einen Teil der möglichen Intervalle nutzen. Oder man gehört zu einer exklusive Gruppe von Musikern, die nämlich die Möglichkeit haben, unter dem Spielen die Tonhöhen so anzupassen, dass man jeweils reine Intervalle und Akkorde erzeugt. Was aber sind reine Intervalle? Reine Intervalle zeichnen sich dadurch aus, dass sie frei von Schwebungen sind. Bis hierher war es ziemlich sachlich. Doch nun geht es los mit den Fragen:

  • Sind Schwebungen demnach so etwas wie Störungen?
  • Sind unreine Intervalle schlechte Intervalle?
  • Warum sind eigentlich reine Intervalle gute Intervalle?
  • Was sind eigentlich Schwebungen genau?

Immer wenn es um Werte und Bewertungen geht wird es leidenschaftlich und emotional. Doch die Leidenschaft und das Gefühlvolle wollen wir uns für das Musizieren aufbewahren. Gehen wir also weiter sachlich vor.

Sänger, Streicher und Bläser haben die Möglichkeit, die Tonabstände unter dem Spielen so anzupassen, dass die Intervalle rein sind. Doch am Klavier hat man bislang keine Möglichkeit zum Intonieren der Tonhöhen. Daher muss der Klavierstimmer eine Kompromisslösung wählen, die es ermöglicht alle Intervalle in allen Tonarten zu nutzen, sowie die Tonarten frei wechseln zu können. Das alles ermöglicht die aktuelle Gleichtemperierte Stimmung mit der Einschränkung, dass die meisten Intervalle eben nicht rein sind, sondern schweben. Die Schwebung ist somit ein reguläres Element der Intervalle gleichtemperiert gestimmter Klaviere, Flügel, Cembali und Spinette.

Damit korrekt gestimmte Klavierintervalle im Sinne der Bewertung als richtig erkannt beziehungsweise identifiziert werden können, muss man der Öffentlichkeit die korrekt schwebenden Intervalle vermitteln. Das ist meine Absicht, wenn ich auf dieser Seite die Hintergründe und Zusammenhänge erläutere und das Ergebnis mittels Hörbeispielen dokumentiere. Oftmals zeichnen sich die so genannten Fachleute durch eine große Distanz zu ihren Kunden aus. Wer sich jedoch mit seinen Auftraggebern auf Augenhöhe austauschen will, der muss vorher mittels entsprechender Informationen dafür sorgen, dass seine Geschäftspartner im Idealfall über die gleichen Kenntnisse verfügen wie er selbst. Den echten Fachmann erkennt man folglich daran, wie er sich für einen entsprechenden Informationsfluss einsetzt. Denn erst auf einer gemeinsamen Wissensbasis kann im Dialog der Mehrwert eines vollständigen Austauschs entstehen. Mit anderen Worten: Wir brauchen heute Experten, die ihr Wissen mit ihrer Klientel teilen. Am liebsten würden gute Profis jeden Kunden mit ihrem Können und Wissen begeistern. Der Weg dorthin liegt in der Hand der Fachleute, wenn sie nämlich ihr Können demonstrieren und ihre Kunden nebenbei zu Mit-Wissern machen. Kundenzufriedenheit ist nicht nur ein Sollwert zeitgemäßen Marketings, sondern der wunderbare Lohn für Transparenz.

Bevor ich näher auf die Schwebungen eingehe, sollten wir noch klären, wie die aktuelle Gleichtemperierte Stimmung entstanden ist und worauf diese sowie die historischen Stimmungssysteme aufbauen:

Musik und Mathematik

Wohltemperierte Klaviere

Bestimmt haben Sie schon einmal von Pythagoras gehört. Er beschäftigte sich mit Philosophie sowie mit der damals entstehenden Mathematik. Quasi als ein Experimentierfeld der Mathematik wendete er diese auf die Musik an. So fand er für die aus der Obertonreihe bekannten Intervalle ganzzahlige Beschreibungen. Das waren die Oktave, die Quinte, die Quarte sowie der Ganztonschritt. Die Terz wurde erst später definiert und erst in der Renaissance änderte sich das Harmonie-Empfinden derart, dass man Terzen und Sexten als konsonant empfand.

Die Wertschätzung des reinen Intervalls stammt aus der Zeit, als die Musik eine Variante der Mathematik war. In dem Zusammenhang taucht der Begriff vom Dissonanzempfinden auf, das sich im Lauf der Zeit wesentlich verändert hat. Das Dissonanzempfinden schränkte anfangs den Spielraum der Musik stark ein. Denn das Bemühen um reine Stimmungen ging zu Lasten einzelner Intervalle sowie ganzer Tonarten. Mit allen Intervallen sowie in allen Tonarten zu komponieren und zu musizieren, war bis zu Johann Sebastian Bach gar nicht möglich.

Diese Einschränkungen störten Bach so sehr, dass er nach einer Stimmung suchte, die das Unmögliche möglich machen sollte. Da hörte er von Andreas Werckmeister, der angeblich eine solche Stimmung gefunden hatte. Bach reiste zu Werckmeister, studierte dessen erste Wohltemperierte Stimmungen und war davon so begeistert, dass er eine geniale Werbeaktion für diese neuen Stimmungen startete. Genial muss diese Werbung gewesen sein, denn der Titel der Werbeaktion ist bis heute bekannt, auch wenn die meisten nicht wissen, was es genau enthält, das Werk vom Wohltemperierten Klavier:

Das Wohltemperierte Klavier ist ein Werk bestehend aus 24 Stücken in den 12 möglichen Dur- und Moll-Tonarten. Für jede Tonart schrieb Bach ein Stück, um damit zu beweisen, dass es eine Stimmung gibt, in der man all diese Stücke spielen kann.

Doch was zeichnete diese Wohltemperierten Stimmungen aus? Inwiefern unterschieden sie sich von den Vorgänger-Stimmungen und was hat sich nach den Wohltemperierten Stimmungen bei der Gleichtemperierten Stimmung noch verändert?

Pythagoreische Stimmung

Pythagoreische Stimmung (850 bis 1550): Die Stimmung der reinen Quinten. Dies traf vor allem noch zu, als das Tonsystem nur 7 Töne umfasste. Als das Tonsystem auf 12 Töne erweitert wurde, ergab sich bei as-es eine so genannte pythagoreische Wolfs-Quinte, die in der Aufnahme auch zu hören ist. Die Bevorzugung der reinen Quinten geht zu Lasten der unreinen Terzen, die jedoch zu dieser Zeit in der Musik keine große Rolle spielten.

Pythagoreische Dreiklänge Pythagoreische Quinten Pythagoreische Terzen Pythagoreisches Praeludio

Mitteltönige Stimmung zur Zeit Johann Sebastian Bachs

Mitteltönige Stimmung (1523 bis 1750): Da sich die Hörgewohnheiten änderten musste eine neue Stimmung her. Wurden die Terzen bislang als dissonant empfunden änderte sich dies nun zu Lasten der Quarten. Bei der mitteltönigen Stimmung kann man noch deutlicher hören, was eine so genannte Wolfs-Quinte ist. 11 Quinten sind leicht vermindert und eine Quinte ist stark unrein. Der Wolf bei as-es springt einen aus der Reihe der ansonsten ziemlich gleichmäßigen Quinten förmlich an. Die Stimmung hat 8 reine Terzen. Die vier Tonarten mit den unreinen Terzen, waren unbrauchbare Tonarten, die von den Komponisten nur selten eingesetzt worden sind. Das macht Bachs Suche nach einer Verbesserung der Stimmung verständlich.

Mitteltönige Dreiklänge Mitteltönige Quinten Mitteltönige Terzen Mitteltöniges Praeludio

Werckmeister Stimmung

Werckmeister III (1691): Bei dieser Stimmung kann man bereits den Fortschritt hören. Hier treten keine ganz großen Fehler mehr auf und somit sind auch alle Tonarten zu verwenden. Die stärkeren Schwankungen treten hier bei den Terzen auf, was sich dann wieder auf die Dreiklänge auswirkt.

Werckmeister Dreiklänge Werckmeister Quinten Werckmeister Terzen Werckmeister Praeludio

Wohltemperierte Stimmung (Bach/Kellner)

Die Wohltemperierten Stimmungen - hier ein Beispiel von Bach/Kellner: Herbert Anton Kellner hat sich diese Stimmung erarbeitet und auch patentieren lassen. Es handelt sich um eine der rekonstruierten Stimmungen, von denen man annehmen kann, dass sie Bach zur Zeit der Entstehung des Wohltemperierten Klaviers verwendet hat.

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Gleichtemperierte Stimmung

Gleichtemperierte oder Gleichschwebende Stimmung (ab Ende 18. Jahrhundert): Die oben angeführten historischen Stimmungen sind so genannte ungleichstufige Stimmungen. Die Gleichtemperierte Stimmung ist eine gleichstufige Stimmung. Damit kann man in allen Tonarten identisch komponieren und musizieren.

Dreiklänge gleichtemperiert Quinten gleichtemperiert Terzen gleichtemperiert Praeludio gleichtemperiert Hybrid-Stimmung

Warum gibt es keine reine Klavierstimmung?

Nun haben wir unterschiedliche Stimmungen mit reinen und schwebenden Intervallen gehört. Wir wissen inzwischen, dass man mit der heute aktuellen Gleichtemperierten Stimmung die Tonarten frei wechseln kann. Die Vorstufe zum freien Wechsel der Tonarten war übrigens die Transposition, bei der man Tonhöhen um ein bestimmtes Intervall proportional verändert. Man unterliegt mit diesem gleichstufigen Stimmsystem heute nicht mehr früheren Beschränkungen. Aber was ist die Basis, die für die Unterschiedlichkeit des jeweiligen Stimmungssystems verantwortlich ist? Gehen wir noch einmal zurück zu Pythagoras. Denn er hat schon vor 2.500 Jahren etwas entdeckt, wovon die meisten von uns zwar schon einmal gehört haben, was wir aber in der Regel noch nicht wirklich verstanden haben:

Das Pythagoreische Komma

Ja, davon haben Sie schon einmal gehört! Wollen Sie es bitte einmal kurz erklären, worum es hier geht? Nein? Kein Problem.

Wie eingangs erwähnt spielten zur Zeit von Pythagoras die reinen Intervalle eine ausschlaggebende Rolle in seiner Variante der mathematischen Musik. Wenn man 12 Quinten aneinander reiht, kommt man wieder an den Ursprung zurück. Dieses Phänomen bezeichnet man als den Quintenzirkel. Pythagoras hat nun gerechnet:

Von dem Tonraum bestehend aus 12 reinen Quinten hat er den scheinbar gleich großen Tonraum bestehend aus 7 reinen Oktaven abgezogen. Das Ergebnis hat ihn überrascht. Er hat mehrfach nachgerechnet und dann viel nachgedacht. Denn er hat festgestellt, dass diese beiden Tonräume aus 12 reinen Quinten bzw. 7 reinen Oktaven eben nicht gleich groß sind. Es bleibt ein kleiner Rest übrig, den man heute das Pythagoreische Komma nennt. Es handelt sich quasi um einen kleinen aber nicht unerheblichen Rechenfehler in der Musik - wenn es um reine Stimmungen geht.

Und wie geht man mit Fehlern um? Richtig, man ist ihnen gegenüber intolerant und kehrt sie erst einmal unter den Teppich. Deswegen konnten Sie vorhin nicht erklären, worum es sich bei dem Pythagoreischen Komma handelt, da es eben kein Thema ist!

Hybridpiano

Das Komma und die Stimmungen

Das Pythagoreische Komma beeinflusst bis heute unsere Musik wesentlich. Denn die Verteilung dieses kleinen Fehlers ist der Hintergrund für die oben beschriebenen unterschiedlichen Stimmungen. Anfangs versuchte man noch entsprechend des bereits erwähnten Dissonanzempfindens Stimmungen mit möglichst vielen reinen Intervallen zu erzeugen. Erst im 16. Jahrhundert, in dem Johann Sebastian Bach geboren worden war, änderte sich das Dissonanzempfinden, so dass man auch mit Terzen und Sexten musizieren konnte.

In den Wohltemperierten Stimmungen wurde das Pythagoreische Komma zugunsten der Spielbarkeit aller Tonarten auf die einzelnen Halbtonschritte innerhalb der Referenzoktave verteilt bzw. sinngemäß das bessere Wort lautet an dieser Stelle ver-mittelt. Dieses Phänomen der Vermittlung oder auch Mäßigung verbirgt sich hinter der Bezeichnung der Temperierung, mit dem wir in unserem heutigen Sprachgebrauch die Temperatur im Sinne von Wärmeunterschied verbinden. Doch in der Fachsprache meint man mit der Temperatur die spezifische Einteilung der Halbtonschritte innerhalb der Referenzoktave.

Aber bei diesen Stimmungen wurde das Pythagoreische Komma ungleichmäßig verteilt, so dass die Wohltemperierten Stimmungen so genannte Ungleichstufige Stimmungen sind. Das bedeutet, dass innerhalb dieses wohltemperierten Stimmungssystems die verschiedenen Tonarten einen unterschiedlichen und somit eigenen Charakter besaßen. Daher machte es damals also noch Sinn, wenn man für eine Komposition eine bestimmte Tonart wählte. Das ist heute nicht mehr der Fall. Denn die aktuelle Gleichtemperierte Stimmung ist aufgrund der absolut gleichmäßigen Verteilung des Pythagoreischen Kommas eine Gleichstufige Stimmung, in der alle Tonarten gleich sind. Das drückt die dritte mögliche Bezeichnung für diese Stimmung aus, nämlich die Gleich-schwebende Stimmung. Gleich schwebend meint, dass ein bestimmtes Intervall in jeder Tonart hinsichtlich der Anzahl der Schwebungen pro Zeiteinheit gleichartig schwebt. Das Erreichen dieser Gleichheit war die Voraussetzung dafür, um die Tonarten ohne jede Einschränkung wechseln zu können.

Musik im Kopf

Was ist eine Schwebung?

Bei Manfred Spitzer findet man die folgende Beschreibung des Übergangs von einem zu zwei Tönen, die ich hinsichtlich unseres Themas der Klavierstimmung mit den entsprechenden Angaben ergänze:

  1. Sind zwei Töne sehr nah beieinander, so entstehen je nach Nähe bzw. Entfernung von der absoluten Übereinstimmung langsamere bzw. schnellere Schwebungen. Die Schwebung ist einer Schwingung ähnlich, jedoch ist es keine Saitenschwingung sondern ein An- und Abschwellen der Lautstärke der beiden Töne. In unserer Wahrnehmung hören wir nicht zwei sondern einen Ton. Die Schwebungen innerhalb eines Tons werden häufig der Kategorie Klang zugeordnet.
  2. Stimmt man die zwei Töne noch etwas weiter auseinander, so entsteht eine Rauhigkeit. Die Reibung innerhalb eines Tons aus mindestens zwei Saiten bzw. eben einem Intervall aus zwei verschiedenen Tönen wird größer. Bei einem Klavierton aus zwei bzw. drei Saiten hört man in einem solchen Fall der stärkeren Verstimmung einen vergleichsweise schärfer klingenden Einzelton innerhalb der Tonreihe.
  3. Steigt der Grad der Verstimmung zwischen den beiden Tönen weiter an, so nehmen wir zwei verschiedene Töne wahr.

Schwebende Intervalle

Einführung in die Stimmtechnik der Gleichtemperierten Stimmung

Hybrid-Stimmtechnik PrimaTek

Der Übergang von den Wohltemperierten Stimmungen zur Gleichtemperierten Stimmung dauerte rund 200 Jahre. Der Grund dafür liegt zum einen bei den Orgelstimmern. Aber auch die bislang hauptsächlich eingesetzten Intervalle beim Stimmen von Clavieren dieser Zeit erschwerte das Erreichen des hohen Ziels einer Gleichtemperierten Stimmung. Diese Stimmung war offensichtlich nicht leicht zu erstellen, da sie ein vergleichsweise neues Maß an Präzision beim Stimmen erforderte. Die bislang verwendeten Kontroll-Intervalle beim Stimmen waren so genannte harmonische Intervalle wie die Oktave, Quarte und Quinte. Die beiden Methoden zur Einteilung der Referenzoktave in Halbtonschritte über den großen Quintenzirkel bzw. über den kleinen Quinten- und Quarten-Zirkel verwendeten ausschließlich die genannten harmonischen Intervalle. Auch ich habe in meiner Ausbildung zum Cembalo- und Klavierbauer noch die zuletzt genannte Methode gelernt.

Doch harmonische Intervalle sind stimmtechnisch nicht so exakt. Denn wir neigen dazu, uns diese fürs Ohr eingängigen Intervalle im Zweifelsfall zurechtzuhören. Die Gleichtemperierte Stimmung konnte sich so lange nicht durchsetzen, wie die Stimmer nicht in der Lage waren, die Stimmung reproduzierbar und somit wiederholbar herzustellen. Das wurde erst möglich, als die Stimmer dazu übergingen, die disharmonischen Intervalle wie die Terz, Sexte und Duodezime als die wesentlichen Intervalle zum Bewerten der Stimmung einzusetzen. Daher hören Sie nachfolgend Hörbeispiele dieser Intervalle, die man sich nicht zurechthören kann, und die man folglich so genau wie möglich stimmen muss.

Dass die Gleichtemperierte Stimmung offensichtlich tatsächlich ein Stimmungssystem mit höchsten Anforderungen an die Präzision der Stimmtechnik ist, zeigt auch die Tatsache, dass ich selbst im Rahmen der von mir entwickelten Hybrid-Stimmtechnik sowohl ein Frequenzmessgerät als auch sämtliche dieser Intervalle für die höchsten Anforderungen des Stimmens nach Gehör einsetze. Das heißt, bei meiner Stimmtechnik verlasse ich mich nicht auf eine Methode. Schließlich habe ich zuerst in 20 Jahren als Gehörstimmer die Grenzen der Stimmtechnik ausschließlich nach Gehör sowie anschließend in 10 Jahren unter industriellen Bedingungen in einem Klavierlager die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Klavierstimmgeräts kennen gelernt. Als Konsequenz aus meinen Erfahrungen mit der jeweils isolierten Anwendung einer Methode des Stimmens überprüfe ich nun beim Stimmen ständig mittels beider Methoden die jeweiligen situativen Ergebnisse, um für Sie als Klavierspieler das bestmögliche Ergebnis erreichen zu können.

Terzen in der Referenzoktave

Die großen Terzen in der Referenzoktave von a0 bis a1 aufwärts gespielt.

Dabei hört man, dass schon die Terzen über den tieferen Tönen relativ schnell schweben. In der Tonreihe werden die Schwebungen immer schneller. Das führt ab einem bestimmten Bereich dazu, dass die Terzen über den höheren Tönen so schnell schweben, dass die Schwebungen für unser Ohr nicht mehr zu differenzieren sind. Das heißt, bis zu einem solchen Punkt taugt also die Methode der Überprüfung mittels dieser Intervalle. Dann muss man auf ein anderes Intervall umstellen, um die Tonhöhe möglichst genau nach Gehör überprüfen zu können.

Dur-Terzen Referenzoktave

Terzen und Sexten im Vergleich

Die Terz und Sexte auf dem Basiston dreimal im Wechsel zum Vergleich gespielt.

Beim Vergleichen dieser beiden Intervalle stellt man fest, dass sie sehr ähnlich schweben. Die Terz schwebt um eine Nuance langsamer als die Sexte.

Terz-Sexte Vergleich

Sexten abwärts gespielt

Die Sexten abwärts gespielt beginnend beim Basiston e1 bis zum Basiston A1.

Dieses Hörbeispiel enthält den Nachweis der besonderen Qualität des Instruments, an dem diese Hörbeispiele erstellt worden sind. Denn Sie hören die Sexten beginnend über dem Basiston e1 abwärts gespielt bis zum Basiston A1. Dabei überschreitet man zum einen den Übergang zwischen Diskant und Bass. An dieser Grenze ist der Konstrukteur besonders gefordert, denn es ist in mehrfacher Hinsicht ein kritischer Übergang. Denn es geht auch um den Wechsel von den blanken Saiten im Diskant zu den umsponnen Saiten im Bass. Damit verbunden ist in der Regel der Übergang von 3 Saiten pro Ton im Diskant zu anfänglich 2 Saiten im Bass. Viele Klavierhersteller konnten diesen Übergang nur suboptimal lösen. Daher hat auch der Klavierstimmer später beim Kundendienst Probleme, diesen Bereich so zu stimmen, dass der Übergang ohne hörbare Abweichungen von einer gleichmäßigen Tonreihe verläuft. Im Klartext heißt das, wenn die Berechnung der Saitenstärken und Saitenlängen nicht zum Ton passen, wenn also die so genannte Mensur falsch berechnet worden ist, dann ist das Ideal einer gleichmäßigen Tonreihe stimmtechnisch nicht erreichbar. Bei diesem Instrument aber hört man einen sauberen Übergang der Tonreihe aus Sexten bis in den tiefen Bass. Das ist außergewöhnlich, da auch der Bass aufgrund der umsponnen Saiten mit den so genannten Residualtönen stimmtechnisch häufig ein Problembereich von Klavieren und Flügeln ist - insbesondere bei den Kleinklavieren mit den zusätzlich kürzeren Saiten im Bass.

Sexten abwärts gespielt

Mega-Trend Kultur

Information zu dem Instrument dieser Hörbeispiele: Es handelt sich um einen Flügel des deutschen Herstellers Grotrian aus Braunschweig. Dieser Flügel steht im Neuen Schloss von Bad Lobenstein und ist eine Spende des Ehepaars Leuschner. Die Leuschners zogen nach einem erfüllten Arbeitsleben wieder nach Bad Lobenstein. Um den Ruhestand aktiv zu gestalten, suchten sie nach einem neuen Lebensinhalt und so verwandelten sich die begeisterten Konzertbesucher in Konzertveranstalter. Dafür stifteten Sie der Stadt Bad Lobenstein einen Konzertflügel, den Frau Henriette Gärtner aussuchen durfte. Frau Gärtner war das erste Talent, das die Leuschners entdeckt und gefördert haben. Bis heute ist Frau Leuschner ein hervorragendes Beispiel für kulturelles Engagement in der Region!

Die Sexten in der Referenzoktave von a0 bis a1 und die beiden Terzen innerhalb der Sexten

Die einzelnen Sexten innerhalb der Referenzoktave sind ein ähnlicher Vergleich wie die großen Terzen in der Referenzoktave. Doch zusätzlich hören Sie nun die beiden Terzen in der jeweiligen Sexte. Also z.B. für die Sexte aus a0 und fis1 die Terz aufwärts von a0 zu cis1 sowie die Terz abwärts von fis1 zu d1. Dabei soll die untere Terz etwas langsamer als die Sexte und die obere Terz etwas schneller als die Sexte schweben.

Sexte mit inneren Terzen

Die Terz gestreckt über ein und zwei Oktaven

Sie hören die Terz auf dem Basiston a0, die dann um eine und schließlich über zwei Oktaven gestreckt wird.

An diesem Hörbeispiel können Sie studieren, dass die Schwebungsverhältnisse der Terz erhalten bleiben, wenn man diese über eine bzw. zwei Oktaven streckt.

Gestreckte Terzen

Spreizung kontrollieren mit gestreckten Terzen

Sie hören die Duodezimen innerhalb der Referenzoktave beginnend bei a0 als Basiston und dazu cis2 und so weiter.

Die Erkenntnis aus dem vorher gehenden Hörbeispiel nutzend kann man also die Terzen auch zum Überprüfen höherer Töne einsetzen, wenn man die Terzen entsprechend streckt. Das können Sie an dem vorliegenden Hörbeispiel nachvollziehen. Allerdings hört man auch hier, dass man bei den oberen Tönen wieder in einen Grenzbereich unserer Gehörs kommt, indem also selbst die gestreckten Terzen so schnell schweben, dass die Schwebungen für unser Gehör nicht mehr differenzierbar sind. Mit anderen Worten: Selbst mit allen Methoden der Überprüfung des Stimmens ausschließlich nach Gehör gelangt man immer wieder in Grenzbereiche des Gehörs. Auf diese Besonderheit des Gehörstimmens habe ich ja bereits in der Einführung hingewiesen.

Spreizung kontrollieren Praeludio gestimmt!

Zusammenfassung der Hörbeispiele

Insgesamt haben wir also gehört, dass es eine Menge an Kontrollintervallen für das Stimmen nach Gehör gibt. Leider ist die folgende Feststellung unvermeidlich, dass nämlich die hier beispielhaft ausgewählten Muster nicht in jedem Fall erreichbar sind. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Ergebnis der Bemühungen des Klavierstimmers beeinflussen. Ich fasse diese gerne als die Stimmbarkeit der Klaviere und Flügel zusammen und verweise damit an die Hausaufgaben der Klavierhersteller. Der Klavierstimmer muss mit dem Ergebnis aus der Produktion versuchen, das Bestmögliche zu erreichen. Damit komme ich auf meine Ausführungen vom Anfang zurück. Dort habe ich geschrieben, dass jeder Fachmann seine Kunden mit seinem Können und Wissen begeistern möchte. Wenn diese Begeisterung trotz Könnens und Wissens nicht möglich wird, so gibt es ein massives Problem mit dem verwendeten Material konkret der Saiten und damit letztendlich mit der Einstellung der Hersteller. Produktoptimierung gelingt nur, wenn man Informationsflüsse im eigenen Unternehmen fördert. Das Gegenteil scheint bei den Klavierherstellern der Regelfall zu sein. Das Problem zieht weitere Kreise, wenn selbst mit den Musikern und somit mit den Kunden kein Dialog mehr gesucht wird. Die Distanz zwischen den Klavierbauern als Fachleuten und den Klavierspielern als deren Kunden ist schon lange viel zu groß. Wozu es führen kann, wenn man den Dialog nicht nur sucht, sondern eben nach einem vollwertigen Austausch strebt, und bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen, zeigen im Sinne von positiven Musterbeispielen aus dem Klavierbau die Entwicklungen des volle 8 Oktaven umfassenden Jahrhundertflügels Imperial von Bösendorfer (Österreich) sowie des Una-Corda-Pianos von dem kreativen Klavierbauer David Klavins (Bonn). Der Imperial entstand aus dem Dialog zwischen dem Komponisten Ferruccio Busoni und dem Klavierbauer Ludwig Bösendorfer, und das Una-Corda-Piano ist das Ergebnis des Austauschs zwischen dem Pianisten und Komponisten Nils Frahm und dem bereits erwähnten Gestalter David Klavins. Mit anderen Worten: Für die Musik und somit für den Menschen wertvolle Entwicklungen werden erst auf der Grundlage eines offenen Austauschs möglich.